Lineare Gemischte Modelle (LMM)#
Wenn du eine RM-ANOVA verwenden würdest, aber fehlende Daten, ungleiche Zeitabstände oder verschachtelte Strukturen hast — dann sind lineare gemischte Modelle (LMM) dein Werkzeug. Sie sind keine komplizierte Spezialmethode, sondern die natürliche Weiterentwicklung der Varianzanalyse. Tatsächlich ist die RM-ANOVA ein Spezialfall des LMM.
Wann verwenden?#
- Du hast Messwiederholungen, aber einige Daten fehlen — LMM können mit fehlenden Werten umgehen, ohne dass du Personen komplett ausschließen musst
- Deine Messungen haben ungleiche Zeitabstände (z. B. Erhebungen nach 1, 3 und 12 Monaten)
- Deine Daten sind verschachtelt (z. B. Schüler in Klassen, Patienten in Kliniken)
- Du brauchst mehr Flexibilität als eine klassische ANOVA bietet — etwa unterschiedliche Kovarianzstrukturen
- Du willst individuelle Verläufe modellieren (jede Person kann ihren eigenen Ausgangswert und ihre eigene Steigung haben)
Fixed und Random Effects — einfach erklärt#
Stell dir vor, du untersuchst den Lernfortschritt von Schülern in verschiedenen Klassen:
- Fixed Effects beantworten deine Forschungsfrage: „Verbessert die neue Lehrmethode die Leistung?" — das sind die Effekte, die du auf die Population verallgemeinern willst.
- Random Effects modellieren die Struktur deiner Daten: „Schüler in derselben Klasse sind sich ähnlicher als Schüler aus verschiedenen Klassen." — sie fangen die Variation zwischen Gruppen (z. B. Klassen) auf.
Merke: Fixed Effects = das, was dich inhaltlich interessiert. Random Effects = die Verschachtelung in deinen Daten.
Voraussetzungen#
- Linearität — der Zusammenhang zwischen Prädiktoren und Outcome ist linear
- Normalverteilung der Residuen (nicht der Rohdaten!)
- Normalverteilung der Random Effects
- Unabhängigkeit der Beobachtungen auf der höchsten Ebene (z. B. zwischen Klassen)
Hinweis: LMM sind robust gegenüber leichten Verletzungen der Normalverteilung, besonders bei größeren Stichproben. Prüfe die Residuen mit einem QQ-Plot. Anders als bei der RM-ANOVA ist keine Sphärizitäts-Annahme nötig.
Formel#
Die Grundidee ist einfach — es wird nur ein Zufallsanteil ergänzt:
Dabei ist:
- = fester Achsenabschnitt (Gesamtmittel, Fixed Effect)
- = zufällige Abweichung des Achsenabschnitts für Gruppe (Random Intercept)
- = fester Effekt des Prädiktors (z. B. Zeit)
- = zufällige Abweichung der Steigung für Gruppe (Random Slope)
- = Residuum
Vereinfacht: Jede Person (oder Gruppe) bekommt ihren eigenen Startpunkt und ihre eigene Steigung, aber alle werden aus einer gemeinsamen Verteilung gezogen.
Die RM-ANOVA ist ein Spezialfall des LMM — mit balanciertem Design, vollständigen Daten und compound-symmetry-Kovarianzstruktur liefern beide identische Ergebnisse.
Beispiel#
Praxisbeispiel: Stressreduktion mit fehlenden Daten
60 Patienten nehmen an einem 8-wöchigen Stressreduktionsprogramm teil. Der Stresslevel wird zu 4 Zeitpunkten gemessen (Woche 0, 2, 5 und 8 — ungleiche Abstände). 12 Patienten erscheinen nicht zu allen Terminen.
Mit RM-ANOVA: 12 Patienten werden komplett ausgeschlossen → nur 48 Patienten → Informationsverlust und mögliche Verzerrung.
Mit LMM: Alle 60 Patienten werden einbezogen. Das Modell nutzt die vorhandenen Daten jeder Person.
Modell: Stress ~ Zeit + (1 + Zeit | Person)
Ergebnisse:
- Fixed Effect Zeit: , , — der Stress sinkt im Schnitt um 2.34 Punkte pro Messzeitpunkt
- Random Intercept SD: 4.12 — Personen starten auf unterschiedlichen Stresslevels
- Random Slope SD: 1.08 — die Stressreduktion variiert zwischen Personen
Effektstärke#
Für LMM werden zwei -Maße berichtet (nach Nakagawa & Schielzeth):
- Marginales : Varianzaufklärung nur durch die Fixed Effects
- Konditionelles : Varianzaufklärung durch Fixed + Random Effects
| Maß | Interpretation |
|---|---|
| = 0.13, = 0.55 | Fixed Effects erklären 13 %, mit Random Effects 55 % — die Gruppenstruktur erklärt viel |
| Geringe Variation zwischen Gruppen — ein einfacheres Modell reicht vermutlich |
Tipp: Wenn und stark auseinanderklaffen, sind die Random Effects wichtig und ein einfaches Regressionsmodell wäre unzureichend.
Weiterführende Literatur
- Winter, B. (2020). Statistics for Linguists: An Introduction Using R. Routledge. (Sehr zugängliche Einführung in LMM)
- Nakagawa, S. & Schielzeth, H. (2013). A general and simple method for obtaining from generalized linear mixed-effects models. Methods in Ecology and Evolution, 4(2), 133–142.
- Baayen, R. H., Davidson, D. J. & Bates, D. M. (2008). Mixed-effects modeling with crossed random effects for subjects and items. Journal of Memory and Language, 59(4), 390–412.